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Interview der Woche: Ilka von erbsünde

Ihre Schnitte heißen Superbia, Invidia oder Avaritia - zu deutsch Hochmut, Neid und Geiz - doch statt der berühmten Sünden verbergen sich bei Ilka vom Label erbsünde dahinter sehr geradlinige und strukturierte Schnitte, die sich auch schon von Anfängern gut bewältigen lassen. Im Interview mit Sewunity verrät Ilka nicht nur, warum es ihr eine Herzensangelegenheit ist, in Erinnerung zu bleiben, sondern auch, wie die Lust am Selbermachen das Bewusstsein für gute Qualität steigern kann.

erbsündeSewunity: Liebe Ilka, wenn man bei Google in das Suchfeld "Superbia" eingibt, erscheint keineswegs eine Erklärung der sieben Todsünden an oberster Stelle – sondern einen Link zu deinem Schnitt, einer von dir entworfenen Damentunika. Welches Gefühl löst das bei dir aus?

Ilka: Oh, das wusste ich gar nicht, wie lustig … es zeigt zumindest, dass mehr Menschen nach meinem Schnittmuster suchen, als nach der Todsünde. Ich freue mich natürlich immer sehr, „oben“ zu stehen. Lustig ist es trotzdem, denn ich vergesse oft, dass es ja noch einen kirchlichen Bezug gibt, zu meinen Schnittmusternamen.

Das Label "erbsünde" steht für klare, einfache Schnitte, die auch Anfänger problemlos bewältigen können. Wie ist bei dir die Idee entstanden, selbst Schnittmuster zu entwerfen und wie hat deine eigene Nähkarriere begonnen?

Ich habe – wie so viele – während der Elternzeit mit meiner Jüngsten angefangen zu nähen. Zunächst kleinere Sachen wie Pullunder, Spucktücher, Hosen etc. Dann kamen Anfragen aus dem Freundes- und Bekanntenkreis hinzu und so beschloss ich, ein Gewerbe anzumelden. Ich habe mich damals schon wahnsinnig gefreut, dass so vielen meine Arbeiten gefallen. Auf das Entwerfen von Schnittmustern kam ich, als meine beiden großen Töchter, sie sind jetzt 14 und 16 Jahre alt, mich baten, ihnen etwas zu nähen und sie dabei ganz bestimmte Vorstellungen von den Kleidungsstücken hatten. Da ich keine - in ihren Augen - passenden Schnittmuster dazu finden konnte, habe ich mich in das Thema eingearbeitet und angefangen, Schnitte selber zu entwerfen. Durch die detaillierten, bebilderten Anleitungen können sie auch von denjenigen genäht werden, die ganz neu an der Nähmaschine sitzen.

Ilka - erbsündeDein Name "erbsünde" und das damit verbundene Prinzip, deine Schnitte nach den sieben Todsünden wie "Superbia" (Hochmut), "Avaritia" (Habgier) oder "Ira" (Zorn) zu benennen, ist auch eher ungewöhnlich in einer Nähwelt, in der viele Schnitte niedliche Namen wie "Pumpi", "Kuschelmieze" oder "Herzilein" tragen. Ist "erbsünde" in gewisser Weise die Rebellin unter den Designern?

Ich bevorzuge generell kraftvolle Namen, mit denen man etwas verbindet, die im Kopf bleiben. erbsünde ist sicherlich ein ungewöhnlicher Name für ein Schnittmuster-Label, aber niedliche Namen würden auch nicht zu mir passen. Ich möchte auf mein Label und die damit verbundenen Produkte aufmerksam machen, mit meinen Blogbeiträgen zum Nachdenken anregen und für Individualität und Menschlichkeit plädieren. Denn darauf kommt es mir an: nicht nur in Erinnerung zu bleiben, sondern auch zu zeigen, dass hinter allem ganz normale Menschen stehen, mit Schwächen und Stärken.

Die DIY-Szene erlebt aktuell einen regelrechten Boom. Glaubst du, dass es sich dabei um einen kurzfristigen Trend handelt – oder wird sich die Freude am Selbermachen auch langfristig durchsetzen?

Ich bin überzeugt, dass der Trend weiter geht. Täglich werden so viele neue, kreative Ideen präsentiert und Anleitungen, Schnitte und Tutorials zum Anfertigen von Kleidungsstücken, Accessoires, Geschenken oder Dekoration veröffentlicht. Das Selbermachen ist eine sehr schöne und sehr erfüllende Tätigkeit und das Tolle ist, dass man es von daheim aus machen kann. So haben viele Frauen, die zu Hause Kinder betreuen, trotzdem die Möglichkeit, sich kreativ zu verwirklichen, vielleicht auch mit einem Nebengewerbe das Einkommen der Familie aufzubessern. Hinzu kommen das wachsende Bewusstsein für Qualität, die Kritik an der Herstellungsweise von Massenware sowie die Anerkennung von Produkten, die vielleicht etwas teurer, dafür aber aus hochwertigem Material und unter guten Arbeitsbedingungen hergestellt wurden. All dies wird meiner Meinung nach den Trend noch lange weiter gehen lassen.

Du selbst erstellst nicht nur Schnittmuster, sondern entwirfst auch Plotterdateien und Schmuck und gibst Nähkurse. Was würdest du jemanden raten, der in der Szene Fuß fassen möchte – worauf kommt es an?

Anfangs ist man natürlich total euphorisch und möchte sofort loslegen. Aber auf lange Sicht gesehen, ist eine gute Vorbereitung wichtig, wenn man Erfolg haben möchte. Man muss seine Arbeit von Anfang an ernst nehmen und sorgfältig ausführen. Man muss Qualität präsentieren und so lange an sich arbeiten, bis wirklich alle Nähte gerade und ordentlich sind. Möchte man den Schritt in die Selbständigkeit, in den gewerblichen Verkauf gehen, ist es sehr wichtig, sich vorab gut über alle gesetzlichen Vorschriften wie Gewerbeanmeldung, Markenname, Verpackungslizenz, CE-Kennzeichnung, Impressum etc. zu informieren. Dies ist zunächst etwas mühsam, aber es gibt viele Foren, in denen man sich informieren kann.

Hast du selber einen Lieblingsschnitt – außer deiner eigenen? Wenn ja, welchen?

Oh, ich habe sogar viele - besonders gerne mag ich die Schnittmuster von Schnittgeflüster, Fred von Soho und rosarosa.

Gibt es Dinge beim Nähen, die dir besonders leicht von der Hand gehen – und womit tust du dich eher schwer?

Alles, was mit Stoffen und Nähen zu tun hat, geht mir eigentlich leicht von der Hand, weil es mir einfach wahnsinnig viel Spaß macht, Materialien und Schnitte zu interpretieren und zu kombinieren. Ich glaube, schwer würde ich mich tun, wenn ich 20 Mal den gleichen Schnitt hintereinander vernähen müsste, beispielsweise für einen Markt. Und dünne, „flutschige“ Stoffe wie Seide oder Organza würden mich sicher einige Nerven kosten, daher vernähe ich sie nicht.

Ilka - erbsündeWie schaffst du es, deine Leidenschaft für Kreativität und dein Familienleben unter einen Hut zu kriegen? Ist deine Familie ähnlich kreativbegeistert wie du?

Das ist – wie bei so vielem – „nur“ eine Frage der Organisation. Mein Mann ist freier Architekt und Grafiker, also auch ein Kreativer, er digitalisiert die von mir entworfenen Schnitte, die dann in den Shop gehen. Wir arbeiten Hand in Hand und teilen uns dementsprechend auch bei Haushalt und der Kinderbetreuung auf, so dass jeder genug Zeit findet, um an seinen Projekten arbeiten zu können.

Welche Pläne hast du für die Zukunft? Auf was alles können sich erbsünde-Fans künftig freuen?

Sie können sich auf weitere Schnittmuster und Tutorials zur Abwandlung meiner Schnitte freuen. Ansonsten habe ich derzeit alles, was mir dringend am Herzen lag, umgesetzt: meine Schmuckkollektion und Nähkurse in München, um meine Follower persönlich treffen zu können. Was ich sehr gerne irgendwann machen würde, ist eine Tour durch Deutschland mit Gastworkshops in den Städten, die von München einfach sehr weit weg sind.

Nun noch eine Frage in eigener Sache: Bei Sewunity bewerten die User Schnittmuster und verteilen Sterne. Mal umgekehrt gefragt: Wie viele Sterne würdest du Sewunity geben – und warum?

Ich finde das Konzept der Community toll, das Ganze ist übersichtlich gestaltet und man findet schnell tolle und zahlreiche Vorschläge, was man nähen kann. Von mir gibt es 5 Sterne.

Am Ende unserer Interviews fordern wir unsere Interviewpartner immer zu einem kleinen Spiel heraus. Wir präsentieren dir jeweils zwei Begriffe zur Auswahl – wähl doch bitte denjenigen aus, der für dich persönlich am besten passt:

  • Rollschneider oder Schere? Schere. Eindeutig. Der Rollschneider macht nicht, was ich will
  • E-Book oder Papierschnitt? E-Book, weil es übersichtlicher ist
  • Webware oder Maschenware? Beides!!!
  • Nähkurs oder Autodidakt? Autodidakt
  • Overlock umfädeln oder immer mit der gleichen Farbe nähen? Gleiche Farbe – aber nur weil es bei meinen Lieblingsstoffen meistens passt … generell aber bin ich oberpingelig und fädle um
  • Onlineshopping oder Stoffgeschäft? Leider aus Zeitgründen meistens Onlineshopping
  • Couch oder Laufschuhe? Couch, ich arbeite aber an den Laufschuhen!
  • Kaffee oder Tee? Kaffee!!!


Vielen Dank für das Gespräch!