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Interview der Woche: Sabine von elbmarie

Sie ist die Herrscherin über ein Material, vor dem viele Hobbynäher erst einmal Respekt haben: Wachstuch. Daraus zaubert Sabine unter ihrem Label elbmarie zauberhafte Taschen und erstellt die passenden Anleitungen dazu. Im Interview mit Sewunity erklärt sie, warum man vor Wachstuch keine Angst haben muss und wie man bei der Anschaffung von E-Books frustrierende Fehlkäufe vermeidet.

elbmarieLiebe Sabine, erst einmal vielen Dank, dass du dir die Zeit nimmst, uns im Nähcafe Rede und Antwort zu stehen. Erzähl uns doch mal, wie du dazu gekommen bist, das Nähen zum Beruf zu machen.

Sabine: Mit 16 hatte ich eine Freundin, die bereits vom Nähen infiziert war und dies mit Hinsicht auf ein Studium zum Modedesigner auch intensiv verfolgt hat. Ihre Kreativität hat mich damals so angesteckt, dass ich mir eine Nähmaschine zum Geburtstag gewünscht und fortan mir autodidaktisch das Nähen beigebracht habe. Ich wollte mehr davon und mein Können perfektionieren und bewarb mich nach dem Abitur für eine Schneiderlehre – damals aufgrund des Andrangs nicht so einfach – aber es hat geklappt. Ich durfte im Bereich Abendmode und Anlasskleidung meine Ausbildung zum Bekleidungsschneider machen. Aber auch das reichte mir noch nicht – ich begann nach ein paar weiteren Erfahrungen in der Industrie ein Studium der Bekleidungstechnik. Nach meinem Abschluss zum Bekleidungsingenieur startete ich mit ein paar Umwegen bei Cerruti1881 als Stoffeinkäufer und wechselte nach ein paar Jahren in den spannenden Mustereinkauf der Kollektionserstellung – ein Paradies für Kreative!! Als dann das erste Kind kam, folgte eine längere Pause – jedoch kam nun die Nähmaschine wieder mehr zum Einsatz. Ein Umzug in den Raum Hamburg, der Kreativhochburg schlechthin im Bereich Nähen, brachte mich nach einiger Zeit auf die Idee, selbst etwas auf die Beine zu stellen, und ich gründete mein Label „elbmarie“. Zunächst nähte ich Accessoires und verkaufte sie, dann fragte mich Ursula Seiler von kleinkariert, meinem örtlichen Stoffgeschäft, ob ich nicht auch mal einen Taschenschnitt für sie machen könnte, und so begann die elbmarie-Taschenschnittgeschichte!

Sabine - elbmarieWenn man deine E-Books und deine Angebote anschaut, stellt man schnell fest, dass du vorwiegend mit Wachstuch arbeitest – bzw. wenn jemand über Wachstuch redet, fällt ganz schnell der Name elbmarie. Warum gerade Wachstuch?

Ja, das ist schon komisch, denn früher hatte ich nie mit Wachstuch zu tun, erst als ich über Ursula von kleinkariert in Berührung mit diesem Material kam, wurde ich so richtig infiziert. Sie hatte so eine Auswahl in ihrem Geschäft, da fiel es schwer, dem NICHT zu verfallen. Ich persönlich bevorzuge Wachstuch, eben gerade weil es einen perfekten Look bei Taschen hergibt. Ein einfacher Taschenschnitt in Wachstuch macht gleich viel mehr her als in Stoff. Wachstuch hat Stand und Glanz, ist abwaschbar und verzeiht dem Träger der Tasche so manche Unachtsamkeit. Es sieht einfach nach mehr aus und belohnt den, der es verarbeitet, mit einem sehr ansehnlichen Produkt!

Viele Hobbynäher, gerade Anfänger, haben Angst vor Wachstuch. Wachstuch gilt als "schlüpfrig" und schwer zu vernähen. Wie nimmst du jemanden die Angst vor diesem Material und was ist im Umgang damit zu beachten?

Zunächst rate ich allen Interessierten, diese Hemmschwelle im Kopf über Bord zu werfen, dass Wachstuch zu schwierig sei. Es lohnt sich, sich auf Wachstuch einzulassen, denn das Ergebnis wird auch oder gerade den Anfänger begeistern. Dann sollte man sich als Anfänger nicht gleich überfordern mit Schnittmustern, die von vornherein eher für Fortgeschrittene gedacht sind – das gilt genauso übrigens auch bei Stoff. Zunächst sollte der Anfänger sich einfache Schnitte und kleinere Projekte vornehmen, um dann mit den gemachten Erfahrungen für größere Projekte gerüstet zu sein! Ein kleines Erfolgserlebnis ist immer mehr wert als ein großer Misserfolg! Niemand muss Angst vor Wachstuch haben, denn es verzeiht bei guter Qualität vieles. Man sollte allerdings unbedingt in ein Teflonfüßchen für die Nähmaschine investieren, um nicht vom Kleben des Materials am Nähfuß im wahrsten Sinne des Wortes ausgebremst zu werden! In meinen Taschen-E-Books gebe ich immer noch mal vorab ein paar Tipps zur Wachstuchverarbeitung – denn meist sind es die kleinen Dinge, die das Leben so viel angenehmer machen.

Du bist im Gegensatz zu vielen anderen E-Book-Erstellern ja als gelernte Damenschneiderin auch so richtig vom Fach – was rätst du jemanden, der noch nie genäht hat und gerne damit beginnen möchte? Wie sieht der perfekte Einstieg aus?

Das ist schwierig zu beantworten, denn jeder ist anders und lernt anders.Wie schon gesagt war ich so begeistert von den Projekten meiner Freundin damals, das wollte ich auch können und habe mich tagelang in einer leeren Wohnung mit meiner Nähmaschine verschanzt und ausprobiert, verworfen, auch weggeschmissen und Bücher konsultiert – einen Nähkurs habe ich nie besucht! Aus heutiger Sicht würde ich den Einsteigern raten, sich einen Kurs für Anfänger zu suchen und sich in den Projekten zu steigern. Der Weg ist das Ziel und er wird mit Teilerfolgen gut bestückt, die den Anfänger zum Fortgeschrittenen machen!

Viele Einsteiger arbeiten ja mit E-Books – allerdings wird hier der Markt mittlerweile immer größer. Was muss ein E-Book bieten, damit es eine gute Anleitung für ein Projekt darstellt?

Eine gute Frage, denn immer wieder werde ich auf die Qualität meiner Anleitungen angesprochen. Denn oftmals entpuppen sich E-Books, die im Netz hoch gelobt werden, als Flop. Wichtig ist, dass zuerst einmal die Schwierigkeit des Projektes richtig angegeben wird und der Benutzer darauf hingewiesen wird - das richtige Projekt zum richtigen Kenntnisstand. Dann sollte jeder Arbeitsschritt ausreichend und effektiv (möglichst mit Fotos und eindeutigen Texten) beschrieben werden – oftmals höre ich von Kunden: ENDLICH weiß ich, wie das geht mit dem Endlosreißverschluss o.ä. Schlechte Anleitungen sind für mich die, die einfach Schritte der Verarbeitung auslassen, denn dann werden die Benutzer nicht dort abgeholt, wo sie stehen. Frustration ist die Folge und das E-Book samt Projekt wandert in den Mülleimer.
Es sollte möglich sein, dem E-Book-Hersteller ggf. Fragen zu stellen, denn manchmal hat man ja doch einen Knoten im Hirn – trotz guter und eindeutiger Anleitung. Ich verweise da immer auf meine Facebook-Gruppe – dort helfen wir uns gegenseitig, geben Tipps, denken quer, inspirieren uns und natürlich kann man mich auch direkt anschreiben! Der Benutzer darf sich nicht allein gelassen fühlen.

Wie beurteilst du es als gelernter Vollprofi, wenn auch Quereinsteiger und Laien E-Books entwickeln und verkaufen? Ist das ein Zeichen von Kreativität – oder ist dieser Trend eher bedenklich?

Das ist schwierig zu sagen, ohne einigen vielleicht auf die Füße zu treten. Alle Anzeichen von Kreativität würde ich zunächst immer als positiv bezeichnen. Wobei, wenn Kunden dann frustriert an einem E-Book scheitern, weil es eben nicht ausreichend durchdacht und fundiert ist, dann macht mich das schon etwas ärgerlich, denn diese Kunden werden sich so schnell nicht wieder auf ein weiteres E-Book einlassen. Daher rate ich den Benutzern, BEVOR sie sich auf ein E-Book einlassen, sich umzuschauen im Netz: Was sagen andere dazu, wie sind andere mit dem E-Book zurechtgekommen? Verfügt der Autor über ausreichende Erfahrung? Sind andere Kunden/ Nutzer zufrieden mit dem E-Book – nicht umsonst gibt es überall Kundenbewertungen. Information ist möglich!
Bei Taschen ist es recht unverfänglich. Bei Bekleidung reicht manchmal auch schon, abseits der Probenäher genauer hinzuhören und vor allem hinzuSEHEN. Manche Falte taucht an Modellen in Größe 38 genauso auf wie bei Größe 50 – aber keiner sagt etwas dazu. Ein bisschen kritisch hinschauen erspart manche Enttäuschung!

Und genau dafür gibt es ja jetzt Sewunity, damit sich jeder User bereits vor dem Projektstart einen Überblick verschaffen kann. Aber wie sieht es denn bei dir konkret aus - hast du ein Lieblingsnähprojekt?

Am liebsten schließe ich mich ein und probiere neue Taschenideen au Aber seit 1,5 Jahren habe ich auch entdeckt, dass Patchwork für mich eine wunderbare Herausforderung ist - dort bin ICH der Einsteiger! Aber es macht mir einen Riesenspaß, in diesem Bereich Neues hinzuzulernen – und das dann ggf. auch für meine Taschenschnitte einzusetzen!

Und auch bei gelernten Schneiderinnen läuft ja nicht immer alles perfekt. Was ist die größte Panne, die dir je beim Nähen passiert ist?

Witzig, ich musste etwas überlegen. Es war ein Rock nach einem sehr bekannten E-Book. Er wurde überall angepriesen, auf allen Blogs und Websites … Bei mir landete er schlicht in der Tonne, weil er überhaupt vom Sitz nicht annähernd den Bildern glich. Es lag sicherlich an meiner damaligen Figur ...

Aktuell hat man ja das Gefühl, dass jeder näht oder damit beginnen möchte – der DIY-Markt boomt wie noch nie. Was ist deine persönliche Prognose – ist das ein kurzzeitiger Trend, oder hält die aktuelle Entwicklung auf Dauer an?

Da ich nun nicht mehr 20 bin, habe ich schon so manche Welle im DIY-Bereich gesehen und erlebt. Allein das Sterben der Wollgeschäfte in den 90ern … Der Boom ist Segen und Fluch in einem. Segen für all die Möglichkeiten, seine Kreativität zu beflügeln und ausleben zu können. Überall ist alles leicht und schnell verfügbar. Geschäfte und Onlineshops sprießen wie Pilze aus dem Boden. Für die Anbieter jedoch wird der Kampf immer härter. Der Markt wächst nicht so schnell wie das Angebot und er wird umkämpft. Viele kleine kreative Geschäfte müssen kämpfen gegen Billiganbieter im Netz und auf dem realen Markt. Große Anbieter im Netz schnellen mit Preisen empor, die normale Händler einfach nicht halten können. Ich rate immer, den Anbietern vor Ort aufrichtigen Tribut zu zollen, denn nur dort kann der Kunde Qualität und Farbe begutachten – und wäre es nicht fatal, wenn man dann irgendwann dazu gezwungen würde, nur noch blind im Netz zu bestellen, weil der örtliche Händler leider dem Preiskampf zum Opfer gefallen ist? Ich denke schon, dass es wieder eine gewisse Wellenbewegung sein wird, allerdings hat sich das allgemeine soziale Leben so verändert, dass Kreativität in der Zukunft einen weitaus höheren Stellenwert haben wird als früher und somit die Welle hoffentlich nicht so wogenartig abebbt, sondern immer wieder neue Kraft bekommt.

Das hoffen wir von Sewunity natürlich auch. Was sind denn deine persönlichen Pläne für die Zukunft – was wird es künftig an Neuigkeiten von dir geben?

Ich arbeite im Moment an einem besonderen Projekt, das mir schon lange im Kopf herumschwirrt und das hoffentlich bald Realität wird: Nähreisen mit elbmarie. Fernab des Alltags kreativ sein, bis der Arzt kommt!

Eine Frage in eigener Sache: Auf Sewunity.de bewerten User Schnittmuster und verteilen dafür Sterne. Wir drehen den Spieß mal um: Wie viele Sterne würdest du Sewunity geben – und warum?

4 Sterne, weil eindeutig NOCH zu wenig Wachstuch vorkommt ☺

Das ändert sich ja zum Glück mit dem Erscheinen der aktuellen Nähkästchen-Ausgabe Zum Schluss noch das obligatorische kleine Spiel, dem sich all unsere Interviewpartner stellen müssen. Wir präsentieren dir jeweils zwei Begriffe zur Auswahl – bitte wähl doch den Begriff aus, der für dich zutreffend ist:

  • Rollenschneider oder Schere? Sorry – bei Wachstuch beides unverzichtbar!
  • E-Book oder Papierschnitt? Auch hier mische ich
  • Webware oder Maschenware? Wachstuch ist Webware, wenn es gute Qualität ist!!
  • Nähkurs oder Autodidakt? Autodidakt
  • Overlock umfädeln oder immer mit der gleichen Farbe nähen? Weiß – fast immer ☺
  • Onlineshopping oder Stoffgeschäft? STOFFGESCHÄFT!!!!!
  • Couch oder Laufschuhe? Ich arbeite an Laufschuhen
  • Kaffee oder Tee? KAFFFFFFFEEEE

Vielen Dank für das Gespräch!