Interview der Woche: Julia von textilsucht

Erst verkaufte sie nur Einzelstücke im Internet, dann entwickelte sie eigene Schnittmuster: Julia vom Label textilsucht kam eigentlich durch die Geburt ihrer Kinder zum Nähen. Im Interview mit Sewunity erzählt sie nicht nur die Meilensteine ihrer eigenen Nähkarriere, sondern bezieht auch Stellung, warum Nähen besonders nachhaltig ist.
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Erst verkaufte sie nur Einzelstücke im Internet, dann entwickelte sie eigene Schnittmuster: Julia vom Label textilsucht kam eigentlich durch die Geburt ihrer Kinder zum Nähen. Im Interview mit Sewunity erzählt sie nicht nur die Meilensteine ihrer eigenen Nähkarriere, sondern bezieht auch Stellung, warum Nähen besonders nachhaltig ist.

Sewunity: Liebe Julia, schön, dass du Zeit für einen Besuch im Sewunity-Nähkästchen gefunden hast. Fangen wir doch gleich mal mit dem Namen deines Labels an: textilsucht. Bist du selbst „textilsüchtig“ – beziehungsweise wie ist der Name entstanden?

Julia von textilsuchtJulia: In gewisser Weise schon. Wobei ich keine Stoffe horte, sondern immer gezielt für ein bestimmtes Projekt Materialien kaufe. Ich liebe es, unterschiedliche Materialien zu kombinieren, daraus neue Sachen zu kreieren.

Du bist – wie so viele in der Nähszene – durch die Geburt deiner Kinder zum Nähen gekommen. Erzähl doch mal, wie es am Anfang für dich war – hattest du schnell Routine oder musstest du dich sehr quälen?

Meine erste eigene Nähmaschine hat mich etwas geärgert, da es sich um ein ziemlich günstiges Modell aus dem Discounter gehandelt hat. Das Nähen an sich ist mir nicht schwer gefallen, aber ich war auch kein kompletter Nähanfänger. Meine Mutter ist Schneidermeisterin und ich habe bereits als Kind mit ihr genäht. Allerdings hatte ich bis zu meiner Elternzeit nicht den Ansporn, so richtig mit dem Nähen zu beginnen.

Wie ging es dann weiter – welchen Weg hast du von den ersten Nähversuchen bis zur Entscheidung beschritten, selbst Schnittmuster zu erstellen und zu verkaufen?

Logo textilsuchtIch habe angefangen, Kleidung für meinen Sohn zu nähen, und habe dann relativ schnell auch Einzelstücke über DaWanda verkauft. Dann kam die Idee zum Blog und so hat sich alles entwickelt. Ich habe angefangen, kleine Schnittmuster selbst zu zeichnen und zu digitalisieren. Irgendwann hat sich dann der Kontakt zu einer Schnittdirectrice ergeben und so bin ich zu dem gekommen, was ich heute mache.

Du wirbst auf deiner Homepage damit, dass du Schnittmuster anbietest, mit denen – Zitat – „wirklich jeder nähen lernen kann“. Warum meinst du, dass das so ist – wie gestaltest du deine Anleitungen, dass keine Fragen offen bleiben?

Ich versuche die Anleitung so detailliert und übersichtlich wie möglich zu gestalten und erkläre in meine Anleitungen auch grundlegende Sachen, wie zum Beispiel den Zuschnitt und wie man einen Schnitt anpassen kann. Außerdem versuche ich, wirklich einfache Grundschnitte zu entwickeln, die mit wenigen Handgriffen individuell erweitert werden können.

Wie ist denn generell deine Einstellung – kann man sich das Nähen wirklich selbst beibringen oder ist man immer eher auf der sicheren Seite, wenn man sich in die Hände von Profis begibt und einen Kurs besucht?

Ich denke, das kommt immer auf den eigenen Anspruch an. Wem es reicht, vielleicht ab und zu mal einen Kissenbezug oder ähnliches zu nähen, kann sich das ganz sicher selber beibringen. Wenn man ein Handwerk korrekt erlernen möchte, ist ein Profi vielleicht ganz hilfreich.

Du bist nicht nur im Verkauf von Schnittmustern und E-Books sehr aktiv, du bloggst auch ganz fleißig und hast ein Standbein als Onlinecoach. Stell dir vor, jemand möchte mit einem Blog in der Nähszene Fuß fassen und seine Werke vorstellen. Welches ist der erste Tipp, den du jemanden mit auf den Weg geben würdest?

Julia - textilsuchtZuerst einmal würde ich ihm empfehlen, mein neues E-Book zu kaufen. Da geht es nämlich genau darum, wie man einen DIY-Blog erfolgreich aufbaut ;-). Mein zweiter Tipp wäre Geduld und der Glauben an sich selbst. Denn wenn jemand etwas mit voller Leidenschaft tut, wird er garantiert erfolgreich.

Haben ganz klassische Blogs heute überhaupt noch eine Chance – oder spielt sich jetzt eh vorwiegend alles auf Instagram und Facebook ab?

Auf jeden Fall! Die sozialen Netzwerke sind so schnelllebig und verändern sich stetig. Hier werden Inhalte oft schnell konsumiert und wieder ausgeblendet. Ich denke, am Ende setzt sich Nachhaltigkeit durch und qualitativ gute Blogs werden auch weiterhin relevant sein.

Zurück zu deinen Schnitten: Du bietest E-Books in einer sehr großen Bandbreite an, für Frauen, für Männer, für Kinder. Für welche Zielgruppe entwickelst du am liebsten Schnitte – und wo liegen die größten Herausforderungen?

Die größte Herausforderung sind ganz klar die Damenschnitte. Frauenkörper sind so unterschiedlich proportioniert, dass es oft gar nicht so einfach ist, einen Mittelweg für alle Figuren zu finden.

Wie viel Zeit vergeht überhaupt bei dir von der ersten Idee bis zum ersten Schnitt? Sind das Wochen oder Monate?

Im Schnitt sind das schon eher Monate. Es müssen viele Arbeitsprozesse durchlaufen werden, bis es wirklich so sitzt, wie ich es mir vorgestellt habe.

Unser aktuelles Nähkästchen hat den Schwerpunkt „Nähen für Jungs“. Bei dir wird man auf der Suche nach Jungenschnittmustern fündig, unter anderem zum Beispiel mit dem Raglansweater „Max & Maxi“. Gibt es beim Entwickeln von Schnitten für Jungen etwas zu beachten – bzw. gibt es Dinge, die schwerer sind als zum Beispiel für Mädchen?

Schwieriger würde ich jetzt nicht sagen. Bei Kindern unterschiedet sich die Figur von Jungen und Mädchen ja noch nicht so stark. Allerdings würde ich gern etwas verspieltere Schnitt entwerfen aber dafür habe ich ja hier keine „Abnehmer“.

A propos Schnitte … falls du überhaupt noch selbst Zeit zum Nähen hast: Welches sind denn deine Lieblingsschnitte, abgesehen von deinen eigenen?

Ich nähe inzwischen tatsächlich fast nur noch meine eigenen Schnitte, mag aber auch Schnitte von Burda oder Ottobre.

Und welcher Schnitt ist von deinen eigenen Schnittmustern dein persönlicher Favorit? Gibt es einen, den du wieder und wieder nähst?

Am meisten hängen in meinem Schrank Lilla und Federleicht.

Eine der großen – ich nenn es jetzt mal Gewissensfragen in der Nähszene ist immer noch: E-Book oder Papierschnitt? Die einen mögen Variante A lieber, die anderen Variante B – du hast sowohl E-Books als auch Papierschnitte im Angebot. Wie verteilt sich in deinem Shop die Nachfrage – eher E-Books oder eher Papier? Und welche Variante ist dir persönlich lieber?

Julia - textilsuchtDas hält sich eigentlich die Waage. Ich persönlich klebe lieber einen selbst gedruckten Schnitt zusammen als einen Papierschnitt abzupausen. Meine Papierschnitte sind so angelegt, dass sie nicht abgepaust werden müssen, sondern gleich ausgeschnitten werden können.

Neben den Schnittmustern gehören auch Plotterdateien zu deinem Angebot. Wie läuft es da mit der Ideenfindung, kommt dir da plötzlich einfach was in den Kopf und du legst los?

Plotterdateien entstehen eigentlich immer sehr spontan und daher nur sporadisch.

Wie beurteilst du die allgemeine Lage in der DIY-Szene. Nähen ist ja noch immer sehr angesagt – stimmt das aktuell noch, oder gibt es Tendenzen, dass sich neue Hobbys durchsetzen?

Nähen ist immer noch sehr aktuell. Generell ist es ja gerade wieder im Trend, Dinge selber zu machen anstatt zu kaufen. Ich hoffe natürlich, dass dieser Trend noch lange so bestehen bleibt. Nicht nur um weiterhin tolle neue Schnitte entwerfen zu können, sondern um weiterhin einen Teil zu einem nachhaltigerem Leben mit vielleicht wenig, aber dafür ausgewählten und fair produzierten Kleidungsstücken beitragen zu können.

Arbeitest du aktuell an neuen Schnitten? Wenn ja, willst du uns schon verraten, in welche Richtung es geht?

Zurzeit arbeite ich an einigen neuen Sommerschnitten und es wird auch bald wieder etwas für die ganz Kleinen geben.

Was war dein bisher schönstes Nähprojekt – was hat dir am allerallermeisten Spaß gemacht?

Mein bisher schönstes Projekt war ein Dirndl, welches ich mir im vergangenen Herbst genäht habe. Es hat sehr viel Spaß gemacht, mich aber auch so einige Nerven gekostet.

Wie all unseren Interviewpartnern wollen auch wir dir eine Frage in eigener Sache stellen: Auf Sewunity bewerten unsere User Schnittmuster mit Sternen, fünf Sterne sind die Höchstwertung. Wie viele Sterne würdest du denn Sewunity geben – und warum?

Ich persönlich würde euch natürlich fünf Sterne geben. Ich finde es super, dass man sich zu der Vielzahl an Schnitten, die es auf dem Markt gibt, austauschen und seine Lieblingsschnitte markieren kann.

Zum Schluss auch für dich unser kleines Entscheidungsspiel: Wir stellen dir jeweils zwei Begriffe zur Auswahl und du wählst bitte den aus, der am besten für dich passt. Los geht’s:

- Rollschneider oder Schere? Schere
- E-Book oder Papierschnitt? Papierschnitt
- Webware oder Maschenware? Maschenware
- Nähkurs oder Autodidakt? Autodidakt
- Overlock umfädeln oder immer mit der gleichen Farbe nähen? Ganz klar umfädeln!
- Onlineshopping oder Stoffgeschäft? Stoffgeschäft
- Couch oder Laufschuhe? Couch
- Kaffee oder Tee? Tee


Wir sagen vielen Dank für das Gespräch!