Das perfekte Oberteil

Einen wirklich viel versprechenden Titel hat dieses Buch von Evelien Cabie, das im DK Verlag erschienen ist. Es ist die Fortsetzung zum Bestseller "Das perfekte Kleid" und verspricht, dass man mit dem Baukastensystem über 200 verschiedene Modelle nähen kann. Verlockend! Doch ob das Buch hält, was es verspricht, und was es mit der 360°-App auf sich hat, haben wir für euch unter die Lupe genommen.

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Das perfekte Oberteil von Evelien Cabie
Das perfekte Oberteil von Evelien Cabie

Wie schon der Vorgänger kommt auch "Das perfekte Oberteil" sehr hochwertig daher. Das Format von 219x267 mm bietet viel Platz für schöne Fotos, und in dem Hardcover wirken die 122 Seiten schön umfangreich, sodass das Buch im Regal keinesfalls untergehen wird. Die zwei Schnittmusterbögen sind beidseitig bedruckt und im Vor- und Nachsatz mit je einer Einstecklasche untergebracht. Hierüber habe ich mich zuerst sehr gefreut; es ist ja immer ein Punkt in unseren Rezensionen, dass das bloße Einkleben der Bögen auf Dauer keine Lösung ist, weil die Schnittmuster so zu leicht verloren gehen. Leider habe ich erst beim Entnehmen des Bogens bemerkt, dass diese zusätzlich mit einem Klebepunkt am Buch befestigt sind. Sicherlich eine sinnvolle Lösung, damit die Bögen nicht schon im Buchladen verloren gehen - aber unglücklicherweise habe ich mir so direkt ein Loch in den Vorsatz gerissen. Schade!

Der Inhalt des Buches ist ziemlich genau gedrittelt. Im ersten Drittel wird die Arbeit mit dem Baukastenprinzip erklärt, es gibt Tipps, welche Elemente des Baukastens zum jeweiligen Figurtyp passen, und auch eine ausführliche Maßtabelle mit einer Kurzanleitung zum Anpassen eines Papierschnittmusters fehlt nicht. Zur Stoffwahl folgt ebenfalls eine Doppelseite. Alle Schnittmuster im Buch sind auf Webware ausgelegt (was ich schade fand, da ich so einen schönen Viskose-Jersey eingeplant hatte ...); hier gibt es auch Tipps zur Verarbeitung und ein bisschen Materialkunde. Die Grundtechniken zum Nähen werden ausführlich erläutert - und hier werden auch geübte Näherinnen sicherlich noch fündig. Oder hättet ihr gewusst, was ein "Babysaum" ist? 😉

In das Baukastenprinzip muss man sich ein wenig einlesen, zuerst verwirren die Abkürzungen und Bezeichnungen für die einzelnen Elemente der Designs ein bisschen. Aber wenn man die Puzzleanleitung mit den Erklärungen am Ende zusammenbringt, ist es ganz klar, und man kann sich problemlos die eigenen Wünsche zusammenstellen. Man hat die Wahl zwischen vier verschiedenen Vorderteilen (Rundhals, V-Ausschnitt, Wasserfallkragen und Überlappung), dann zu jedem Vorderteil verschiedene Kragenlösungen; es gibt auch unterschiedliche Rückteile, gleich 7 Ärmelvarianten und noch ein paar Extras wie einen Saum mit gerundeten Seitenschlitzen, einen asymmetrischen Saum oder einen angenähten Taillengürtel. So kommt man rein rechnerisch auf mehr als 250 mögliche Modelle!

VR beim Nähen - die App zum Buch
VR beim Nähen - die App zum Buch

Um die Auswahl etwas zu erleichtern, wurden für das Buch 17 verschiedene Möglichkeiten genäht. Mit diesen Designbeispielen beschäftigt sich das mittlere Drittel des Buches - das Lookbook. In stimmungsvollen Fotos wurde die genähten Oberteile in Szene gesetzt. Und hier kommt das kleine Gadget ins Spiel: Man kann nämlich zu dem Buch eine 360°-App herunterladen. Mit deren Hilfe lässt sich dann eine Rundumsicht des jeweiligen Models in einem VR-Modus abrufen. Wenn man die App auf der angegebenen Seite kostenlos heruntergeladen hat und die Kamera des Smartphones oder Tablets dann auf die Buchseite richtet, erscheint das 3D-Modell auf dem Bildschirm. Man kann nun quasi um das Modell herumgehen und das Shirt von allen Seiten betrachten. Um die Passform der Oberteile zu beurteilen, ist das natürlich spannender als ein reines Foto.

Detailansicht in der App
Detailansicht in der App

Doch ich finde, es gibt noch einen weiteren Vorteil an dieser Spielerei: Man kann sich nämlich Details heranzoomen. Den einen interessiert vielleicht genauer, wie der Kragen gearbeitet ist, die andere möchte sich vielleicht die Kellerfalte auf dem Puffärmel einmal etwas mehr en detail anschauen. Kein Problem mit der App!

Nach dem Lookbook kann man die Entscheidung für die jeweiligen Elemente vielleicht leichter treffen - darum schließt sich nun der Anleitungsteil im letzten Drittel an. Hier ist allerdings wieder Kombinationsgabe und Lust am Blättern angesagt. Denn natürlich kann man bei einem Baukastenprinzip nicht einfach Schritt für Schritt nach Anleitung vorgehen, sondern muss sich seine eigene Anleitung ebenso aus den einzelnen Elementen zusammensetzen wie den Schnitt.

Der Anleitungsteil ist klar gegliedert, aber insgesamt eher kurz gehalten. Fotos zum Nähen sucht man vergeblich, es gibt einige technische Zeichnungen, doch die Fotos sind nur illustrativ. Negativ aufgefallen ist mir, dass die Schriftgröße im Anleitungsteil deutlich kleiner ist als in der Einführung. Hier hätte ich zugunsten der Lesbarkeit gerne auf das eine oder andere Zusatzfoto verzichtet.

Die Schnittmusterbögen helfen übrigens sehr bei der Zusammenstellung der Elemente. Die vier "Grundshirts" haben nämlich jeweils einen eigenen Bogen, und die dazugehörigen Kragen sind auch beim passenden Oberteil zu finden. Ein großer, übersichtlicher Kasten verrät darüberhinaus, was sonst noch auf dem Bogen zu finden ist (welches Rückteil, welcher Ärmel oder welches Extra). Gleiche Elemente haben dieselbe Linienfarbe (alle Ärmel sind lila, zum Beispiel), und die Größenbereiche unterscheiden sich klar durch die Linienart. Sehr gut gefällt mir hier, dass immer nur 4 Größen einander überlappen, der zweite Größenbereich ist dann separat angesetzt. So hält sich das Liniengewirr zum Beispiel im Bereich der Abnäher in Grenzen und das Abpausen geht leicht von der Hand. Die Autorin weist klar auf die Bedeutung des Ausmessens und den Abgleich mit der Maßtabelle hin. Ein Vergleich mit einem bestehenden, erprobten Schnittmuster ergab bei mir, dass ich mich definitiv auf die Maßtabelle verlassen kann und diese außerdem auch meiner gängigen Größe entspricht - Ausmessen ist trotzdem immer wichtig!

So viel also zum Inhalt - doch wie fällt nun mein Urteil aus? Ich würde sagen, mit diesem Buch hat man wirklich das Werkzeug in der Hand, sich ein Oberteil zu nähen, das nahe an perfekt ist. Die Grundlinie ist durchweg eher elegant als sportlich, aber in diesem Bereich bleiben wirklich kaum Wünsche offen. Es ist wahrscheinlich für Nähanfänger eine hoch gesteckte Herausforderung; aber man wächst ja schließlich mit seinen Aufgaben, nicht wahr? 😉 Geübte Näherinnen können mit Stoffen experimentieren und sich in Details verlieren. Dieses Buch kann wirklich Spaß machen! Eine Kaufempfehlung für alle, die lieber selber basteln als vorgefertigten Ideen zu folgen.


Das perfekte Oberteil

Evelien Cabie

122 Seiten, Hardcover, 2 Schnittbögen

€ [D] 19,95 , ISBN 978-3-8310-3443-7


Erschienen im Dorling Kindersley Verlag, München

Foto vom Cover: © Dorling Kindersley Verlag

Wir danken dem DK Verlag, der uns ein Exemplar dieses Buches für diese Vorstellung zur Verfügung gestellt hat.