Interview der Woche: Jacqueline von SchnittmusterLounge

Einst musste sie sich "zwischen Studium und dem Lotterleben der Kunst" entscheiden, doch die Leidenschaft des Nähens hat sie nie losgelassen. Heute entwirft Jacqueline vom Label SchnittmusterLounge vor allem Damenmode. Worauf sie dabei besonders Wert legt und wie sich die Nähszene ihrer Ansicht nach langfristig positionieren muss, verrät sie im Interview mit Sewunity.

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SchnittmusterLounge
SchnittmusterLounge

Herzlich Willkommen im Nähcafé, schön, dass du dir Zeit genommen hast. Wie fing sie bei dir eigentlich an, die Nähleidenschaft?

In der frühen Jugend! Meine Mutter hatte Zeitschriften zu Hause, „Neue Mode“ hießen die. Ich fing an zu nähen oder besser gesagt zu basteln! Stoffe und Farben haben mich sofort fasziniert und ich fing an, die damals hochaktuellen Kleider mit Patchworkeinsatz vorne zu nähen und auch in einer Boutique zu verkaufen. Wolle selber gesponnen und gestrickt habe ich auch. Schließlich musste ich mich zwischen Studium und dem Lotterleben der Kunst und Handarbeit entscheiden, so meinten es zumindest meine Eltern. Nach dem Studium kamen Kinder und Familie und ich fing wieder an zu nähen.

Vom Selbernähen ist es ja dann doch ein großer Schritt, dann auch zu sagen: „Hey, ich mache jetzt auch Schnitte selber und verkaufe sie“. Was war dafür für dich die Initialzündung?

Jacqueliine von SchnittmusterLounge
Jacqueliine von SchnittmusterLounge

Eine Freundin fragte mich, da ich so viel nähe, ob ich Schnitte selbst entwerfe. Ich habe immer weniger Schnitte gefunden, die mir gefielen und so kam mir der Impuls, es zu lernen. Ich habe mir  selber zu Weihnachten zunächst eins und dann eine ganze Serie von Schnittkonstruktionsbüchern zu gekauft. Das ist jetzt bestimmt acht Jahre her und seitdem lässt es mich nicht mehr los. Dann habe ich mir einen Online Kongress von kreativlabor Berlin angesehen und plötzlich wusste ich es: ich verkaufe meine Schnitte online, und mittlerweile auch als Papierschnitt!

SchnittmusterLounge, das klingt irgendwie gemütlich und kuschelig. Wie bist du denn auf den Namen für dein Label gekommen?

Der Name sollte mit „Schnittmuster" anfangen, damit sofort klar ist, worum es geht. Lounge hat eher ein Flair, wir ein internationales Hotel mit Atmosphäre in dem man sich gerne aufhält und eben nach Schnitten und Ideen stöbert.

Du hast den Schwerpunkt bei deinen Schnitten auf das Thema Damenmode gesetzt. Man findet Kleider, Blusen und Shirts …. Andere Designer setzen eher auf Kinderkleidung und sagen, die Schnittmustererstellung ist einfacher. Worin liegt in deinen Schnitten die besondere Herausforderung?

Ich liebe das besondere „Etwas“, so findest du bei mir oft spezielle Falten, Raffungen, besondere Ausschnittformen. Außerdem lege ich sehr großen Wert auf eine gute Passform, deshalb gibt es bei mir immer Abnäher. Eine besondere Herausforderung ist natürlich, Webware zu verarbeiten. Schnittanpassungen sind auch ein großes Thema, zu dem ich gerne verschiedene Tutorials verfasst habe. Diese sind teilweise in den E-Books integriert und auch in meiner Facebookgruppe „Nähen in der SchnittmusterLounge“ zu finden.

Gerade Nähanfänger brauchen ja sehr strukturierte Anleitungen. Worauf legst du bei deinen Schnitten und Anleitungen besonderen Wert, damit sie für alle verständlich sind?

Mit ganz detaillierten Anleitungen möchte ich auch weniger Geübte dazu motivieren, über sich hinaus zu wachsen. Ich fotografiere jeden Schritt mit meiner Fotoausrüstung und füge immer mehr Zeichnungen und Schemata hinzu. Meine Anleitungen sind zudem interaktiv, so kann jeder bequem von einem zum anderen Kapitel zügig gelangen. Außerdem durchgeht jeder Schnitt und jede Anleitung eine enge Kontrolle durch ein Probenähteam. Da ich zweisprachig französisch/deutsch aufgewachsen bin, freue ich mich sowohl über tüchtige deutsche und auch französische Lektoren/-innen, denn einige meiner Schnitte habe ich bereits auf Französisch übersetzt.

Wie ist das eigentlich – kann man sich Nähen deiner Ansicht nach wirklich gut selbst beibringen – oder ist ein Kurs unabdingbar? Was rätst du jemanden, der mit dem Nähen frisch beginnen möchte?

Natürlich kann jede „einfach“ drauf loslegen und ausprobieren, so habe ich es mit 14 Jahren auch gemacht. Ich bin aber schnell dazu übergegangen, die Nähanleitungen genau zu lesen und mir auch Nähbücher zu kaufen. Ich würde Nähkurse empfehlen, allerdings in möglichst kleinen Gruppen.

Gibt es eigentlich Dinge, die du beim Nähen so gar nicht magst, die dich vielleicht sogar wütend machen?

Es gibt eigentlich nichts was ich vermeide. Im Gegenteil, schwierige Sachen wie Reverskragen zu konstruieren und zu nähen spornen mich an. Das Einzige ist vielleicht, Maxikleider zuzuschneiden. Obwohl ich einen großen Zuschneidetisch habe, passt da nicht alles drauf.

Und was nähst du am liebsten?

Kleider und Oberteile. Diesen Sommer mag ich besonders Blusen, weil sie bei hohen Temperaturen so angenehm zu tragen sind.

Wie sieht es überhaupt aus – hast du noch Zeit für dich selbst zu nähen? Und wenn ja, nähst du nur deine eigenen Schnitte oder hast du andere Lieblingsdesigner?

Die Zeit muss man sich nehmen. Außerdem nähe ich selbstverständlich jeden neuen Schnitt erstmal für mich. Zeitschriften habe ich einige abonniert, aber schon eine Ewigkeit nicht mehr daraus genäht. Kürzlich erst habe ich einen „fremden“ Schnitt gekauft, konnte es aber nicht lassen, ihn nach meinen Vorstellungen zu verändern.

Eine der Gretchenfragen in der Nähszene lautet ja: E-Book oder Papierschnitt? Wie sieht deine Meinung dazu aus – und erlebt der Papierschnitt derzeit vielleicht sogar ein kleines Comeback?

Papierschnitte sind sehr bequem, alle meine E-Books enthalten eine A0-Datei, so dass es kein Thema ist, sich den Schnitt plotten und zuschicken zu lassen.   Andererseits bin ich ungeduldig und A4-Blätter zu kleben ist für mich kein Thema. Ich speichere meine Dateien so ab, dass die Seiten Stoß an Stoß geklebt werden, das spart enorm Zeit und auch Papier! Die meisten meiner Schnitte kommen mit 16 Seiten aus! Die Schnitte sind so auch gut zu verstauen, wenn das Eck zwischen 4 Blättern nicht geklebt wird, sondern nur die langen Kanten.

Wie schätzt du die Lage der Nähszene im Moment denn allgemein ein? Fast meint man, der ganz große Hype hätte spürbar nachgelassen …

Sagen wir mal so, es gibt mittlerweile viele ähnliche Schnittmuster von Shirts oder Hoodies, vielleicht ist die Zeit für etwas Anderes gekommen? Die Nähszene wird nie zum Erliegen kommen, da bin ich mir ganz sicher!

Was muss die Nähszene deiner Meinung nach denn tun, damit sie auf Dauer erfolgreich sein kann? Was müssen sich Menschen wie du, also die Designer, auf die Fahnen schreiben?

Qualität, Präsenz und Freundlichkeit. Meine Kundinnen müssen sich darauf verlassen können, dass die Schnitte eine gute Passform haben und die Schnittteile zueinander passen. Ich bin immer offen für Fragen und Hilfestellung, dabei ist mir ein freundlicher Ton oberstes Gebot. Die Welt verroht zunehmend, das macht sich auch in den Sozialen Medien bemerkbar.  

Mal angenommen, Zeit und Geld spielen keine Rolle – gibt es ein Nähprojekt, dass du gerne mal realisieren würdest? Wenn ja, was wäre das?

So ein richtig pompöses Mittelalterkleid mit weitem Rock, schmaler Taille und tiefem Ausschnitt. Dabei trotzdem puristisch und modern!

Und wie schaut es mit deinen persönlichen Plänen für die Zukunft aus? Magst du uns verraten, woran du gerade arbeitest – oder ist das geheim?

Im Moment ist ein Maxikleid im Probenähen, wie immer mit vielen verschiedenen Varianten. Dieses Jahr ist es das dritte Schnittmuster in Folge für Webware, und mein Stoffvorrat schreit immer noch nach mehr!

Unsere obligatorische Frage in eigener Sache: Auf Sewunity bewerten User Schnittmuster mit Sternen, fünf Sterne sind die Höchstwertung. Wie viele Sterne würdest du Sewunity geben und warum?

Fünf Sterne natürlich! Weil es eine etwas Andere Plattform ist und man dort sowohl Userbeispiele als auch Schnitte zum kaufen findet!

Vielen Dank! Zum Schluss ist es nun noch Zeit für unser kleines Entscheidungsspiel. Wir stellen dir jeweils zwei Begriffe zur Auswahl – und du wählst den aus, der am besten zu dir passt. Los geht’s!

E-Book oder Papierschnitt? E-Book (und Papierschnit 😉)

Rollenschneider oder Schere? Rollschneider

Webware oder Maschenware? Webware

Nähkurs oder Autodidakt? Beides möglich

Ovi umfädeln oder immer mit der gleichen Farbe nähen? Umfädeln mit verknoten natürlich

Onlineshopping oder Stoffgeschäft? Puuh, anfassen ist schon toll, aber die Auswahl ist Online sooo groß!

Couch oder Laufschuhe? Laufschuhe (gehen Radschuhe auch?)

Kaffee oder Tee? Kaffee!

Vielen Dank für das Gespräch!

Sehr gerne!