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Keine Angst vor Viskose

Die einen schwärmen beim Wort Viskose von tollen, fließenden, leichten Sommerstoffen und lieben sie - die anderen sprechen eher vom "schlüpfrigen Scheißerchen" und hassen sie. Dabei ist Viskose lediglich ein Angstgegner, der sich gut bezwingen lässt. Wir haben für euch die wichtigsten Tipps zusammengestellt und erklären euch, was eigentlich eine "Französische Naht" ist.

Ein bunter Haufen ViskoseViskose, was ist das eigentlich so ganz genau? Das Online-Lexikon Wikipedia definiert das Material als "halbsynthetische Chemiefasern, die mittels des Viskoseverfahrens, des am weitesten verbreiteten Nassspinnverfahrens, industriell hergestellt werden". Konkret handelt es sich bei Viskose um einen leichten Sommerstoff, der einigen auch noch unter dem Begriff "Kunstseide" bekannt sein dürfte. Da Viskose ausgesprochen fein ist, müssen beim Nähen einige Tipps beachtet werden, damit sich das Material nicht verzieht und der Stoff nicht von der Maschine gefressen wird. Das beginnt bei der Auswahl der richtigen Nadeln und endet bei einem generell achtsamen Umgang mit dem Material während des Nähprozesses.

Die Arbeit mit Viskose sollte jedoch auf jeden Fall mit einem gründlichen Vorwaschen des Stoffes beginnen. Bei anderen Stoffen wird das gerne mal übergangen, bei Viskose ist die Runde in der Waschmaschine obligatorisch. Der Grund: Kaum ein Stoff läuft so massiv ein wie Viskose. Ideal ist eine Runde in der Waschmaschine bei 30 Grad mit Feinwaschmittel, anschließend sollte der Stoff auf der Leine getrocknet und hierbei bereits in Form gezogen werden. Sollte der Stoff danach Falten werfen, darf auch noch eine kurze Begegnung mit dem Bügeleisen nicht fehlen. Wichtig ist, dass hier nur auf niedriger Stufe gebügelt wird, sonst könnte sich die Viskose verfärben.

Der Zuschnitt

Viskose - der ZuschnittWer bisher nur mit klassischem Baumwolljersey oder fester Baumwolle gearbeitet hat, könnte beim Zuschneiden von Viskose den einen oder anderen Wutanfall bekommen. Viskose hat nämlich die Eigenschaft, mitnichten friedlich auf dem Zuschneidetisch liegen zu bleiben, sondern sich gerne mal in alle erdenklichen Richtungen zu drehen und einzurollen. Das Risiko von Verschiebungen und damit verbundene Zuschneidefehlern ist aus diesem Grund ganz besonders groß.

Hilfreich ist es aus diesem Grund, den Stoff mit Gewichten zu beschweren oder möglichst gut festzustecken und ihn während des Zuschnitts so wenig wie möglich anzuheben. Die Nähbloggerin Nähfrosch, in dieser Nähkästchen-Ausgabe bei uns im Nähcafé als Interviewpartnerin zu Gast, empfiehlt in ihrem Blog sogar den Zuschnitt auf einem Teppich, da dieser Untergrund ein Verrutschen ebenfalls verhindert. Wichtig ist auch, beim Zuschneiden von Viskose ganz besonders langsam zu arbeiten und Ruhe zu bewahren. Das kostet zwar Zeit und Nerven, wird am Ende aber mit einem besonders ordentlichen Zuschnitt belohnt.

Nadeln und Garn

Viskose - die NadelnBevor die Viskose ihren Weg unter die Nähmaschine findet, sollte diese mit den passenden Nadeln ausgestattet werden. Es empfiehlt sich, vor dem Nähen von Viskose auf jeden Fall eine neue Nadel einzusetzen, damit das Material keine Fäden zieht. Empfehlenswert sind Universalnadeln in der Stärke 60 oder 70. Wichtig ist auch, dass feines Garn verwendet wird. Dieses sollte mindestens Fadenstärke 100, besser 120 haben.

Viskose - Fadenspannung lockernWas für die Nähnadel gilt, gilt übrigens auch für die Stecknadeln, die im Projekt zu Einsatz kommen: Sie sollten ebenfalls neu und ohne Schäden sein. Habt ihr noch eine ungeöffnete Packung Stecknadeln in eurem Nähzimmer liegen, bietet ein Viskose-Nähprojekt den perfekten Anlass, diese zu öffnen.

Die Maschine stellt ihr dann auf eine kurze Stichlänge ein und lockert die Fadenspannung etwas. Dies garantiert eine schöne, glatte Naht. Auch ein Obertransportfuß kann - sofern vorhanden - bei diesem Material gute Dienste leisten.

Viskose versäubern

Die nächste Herausforderung beim Nähen von Viskose besteht darin, den Stoff zu versäubern. Auch dabei muss gut darauf geachtet werden, dass der Stoff sich nicht verzieht. Besonders hoch ist die Gefahr, wenn man statt mit einer Overlockmaschine - die kommt mit Viskose nämlich meist sehr gut klar und man muss gar nicht groß darüber nachdenken, welches Material man da gerade eigentlich vernäht - mit einer normalen Nähmaschine arbeitet. Setzt man hier einen engen Zickzackstich ein, zieht sich gerade bei sehr dünner Viskose der Rand leicht zusammen. Generell ist es bei der Verarbeitung von Viskose unter der Nähmaschine wichtig, den Stoff so wenig wie möglich zu bewegen. Also nicht wild daran ziehen, sondern so vorsichtig wie möglich führen.

Eine gute Möglichkeit, die Verarbeitung der feinen Stoffen so gut wie möglich zu meistern, bietet die so genannte "Französische Naht", auch "Rechts-Links-Naht" genannt. Ihr Vorteil besteht nicht nur darin, dass damit das Versäuberungsproblem perfekt gelöst wird – sie sorgt auch bei ungefütterten Kleidungsstücken für optisch ansehnliche Innennähte.

So geht die "Französische Naht"

Wichtig ist es, den Stoff zunächst mit doppelter Nahtzugabe zuzuschneiden. Das ist deshalb so wichtig, weil eine französische Naht mehr Platz als eine normale Naht braucht und verhindert werden soll, dass das genähte Kleidungsstück am Ende zu eng ist.

Viskose - Französische NahtAls erstes werden beide Stoffe, die miteinander vernäht werden sollen, links auf links (!) zusammengelegt und mit Stecknadeln schön eng festgesteckt. Ideal ist es, die Nadeln nicht nur in engem Abstand, sondern auch senkrecht zu stecken, denn so könnt ihr entweder über die Nadeln nähen oder einfacher herausziehen, als wenn sie parallel zur Naht gesteckt wurden.


Viskose bügelnNun wird die erste Naht gesetzt – und zwar idealerweise mit einem Abstand von ca. 5-8 Millimetern zur Stoffkante. Bei Bedarf noch etwas zurückschneiden und dann – ganz wichtig! – gut bügeln! Und zwar von links und von rechts.

Im nächsten Schritt legt ihr die Stoffe nun rechts auf rechts aufeinander – der Knick liegt genau in der Naht. Wieder gut bügeln und feststecken!

Französische Naht - Schritt 2Jetzt wird wird die eigentliche Naht genäht – und zwar mit etwas mehr Abstand als die erste Naht (ca. 8-10 Millimeter zur Kante). Auf diese Art und Weise wird die urspünglich genähte Naht in der zweiten Naht versteckt. Ist das erledigt, wird noch einmal von links gebügelt und die Nahtzugabe auf eine Seite umgeklappt – fertig!

Das Ergebnis ist eine saubere, wellenfreie Naht, mit der sich Viskose problemlos bändigen lässt und die auch von der Innenseite schön aussieht.

Wer all diese Ratschläge beachtet, wird feststellen, dass die Verarbeitung von Viskose kein Hexenwerk ist und sich das Material genauso schön wie z.B. ganz klassische Baumwolljersey-Maschenware verarbeiten lässt. Am besten einfach mal ausprobieren, den Kopf ausschalten und losnähen.

Welche Erfahrungen habt ihr mit der Verarbeitung von Viskose gemacht? Habt ihr weitere Tipps & Tricks, die die Sewunity-User unbedingt kennen sollten? Nutzt die Kommentarfunktion am Ende dieses Artikels und lasst es uns wissen. Wir freuen uns auf eure Beiträge!