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Alles rund ums Dirndl-Nähen

Ein Dirndl zu nähen, gilt als eine der absoluten Königsdisziplinen. Nicht wenige Hobby-Schneiderinnen haben vor diesem Projekt großen Respekt. Am Ende wird der Mut aber mit einem einzigartigen Kleidungsstück belohnt. Sewunity nimmt euch heute mit in die weite Welt des Dirndlnähens und bringt euch einige Grundlagen näher.

DirndlstoffeDirndl sind wunderbare Kleidungsstücke. Auch außerhalb Bayerns oder Österreichs, wo die meisten Dirndl zu Hause sind, erfreut sich die Tracht immer größerer Beliebtheit. Und das nicht ohne Grund: Kaum einem Kleid gelingt es, Weiblichkeit noch mehr in Szene zu setzen. In einem Dirndl sieht nahezu jede Frau einfach richtig gut aus. Doch Dirndl ist nicht gleich Dirndl. Gerade zum Oktoberfest wird der Markt vor allem im Münchner Raum von Billig-Modellen aus Fernost überschwemmt, die aus minderwertigen Stoffen gearbeitet sind und in Ultra-Kurz-Länge oder schrillen Farben häufig nur noch sehr wenig mit der ursprünglichen Tracht zu tun haben. Klassische Dirndl hingegen sind aufwendig gearbeitet, bestehen aus hochwertigen Stoffen und sind dann, wenn man sie kauft, oft sehr kostspielig. Grund genug also, sich einfach zu trauen und ein eigenes, individuelles Dirndl vom Anfang bis zum Ende selber zu nähen.

Die Materialauswahl

DirndlknöpfeErst einmal vorweg: Auch selbstgenähte Dirndl sind teuer. Für ein komplettes Outfit sind nicht nur je nach Länge durchaus um die drei Meter Stoff oder mehr erforderlich, auch beim Zubehör kommt einiges zusammen. Ob Paspeln, Trachtenknöpfe, Bänder, Ketten, eventuell Reißverschlüsse, Ösen, Haken oder sonstige Verzierungen: Die Einkaufsliste beim Start ins Projekt ist zunächst einmal sehr lang. Für die Dirndlschürze leistet ein elastisches Kräuselband, ein so genanntes "Stiftelband", gute Dienste und erspart ein aufwendiges Kräuseln oder Smoken. Was es mit diesem Band auf sich hat und wie man damit arbeitet, erklären wir euch in unserer Rubrik "Fundstücke" noch genauer.

EinlageEin praktischer Helfer für die Produktion der Schürze ist auch Bundband beziehungsweise Bundfix. Damit lässt es sich bei der Gestaltung des Schürzenbundes besonders exakt arbeiten. Ferner sollte das Mieder mit einer dünnen Einlage (z.B. G740 von Freudenberg) verstärkt werden. Sie gibt dem Stoff zusätzlichen Stand und Halt.

Dirndlstoff HirscheFür das Hauptkleid gibt es eine große Auswahl an klassischen Trachtenstoffen aus Baumwolle in allen erdenklichen Farben und Mustern. Solche Stoffe sind sehr hochwertig, aber oft auch sehr teuer, Meterpreise ab 30 Euro oder deutlich mehr sind keine Seltenheit. Doch es geht auch noch exklusiver: Auch Brokat oder Seide werden beim Dirndl gerne verarbeitet. Beim Innenfutter kann hingegen auch mit klassischer Webware gearbeitet werden, allerdings sollte man hier nicht am falschen Ende sparen. "Ich empfehle, für ein Dirndl auf jeden Fall anständigen Stoff zu kaufen", rät Juliane Egert, Geschäftsführerin bei "Stoffe Egert" in Fürstenfeldbruck, dem größten Anbieter von Dirndlstoffen im Münchner Westen. "Billige Stoffe färben aus oder laufen bei der Wäsche ein - und wenn man bedenkt, dass in einem Dirndl 20 Stunden Arbeit oder mehr stecken, ist das einfach zu schade", führt sie an.

Volldruck und HalbdruckDoch was ist eigentlich das Besondere an echten Dirndlstoffen? Ihre Besoderheit liegt nicht nur in ihren Drucken und Mustern, sondern auch in ihrer Qualität und Herkunft. "Hochwertige Dirndlstoffe werden in Österreich gefärbt und gedruckt, sind chlorfrei gebleicht und nach europäischen Standards produziert", fährt Juliane Egert fort. Im Detail unterscheidet man noch zwischen Volldrucken und Halbdrucken. Bei einem Volldruck (links im Bild) erscheint das Muster auf dem Dirndlstoff weiß. Bei einem Halbdruck (rechts) befindet sich das Muster in der Hauptfarbe, wird also nur dezent angedeutet. Mit beiden Stoffvarianten lassen sich in der Verarbeitung tolle Effekte erzielen.

Dirndl drapiertEine weitere Möglichkeit zum Austoben bei der Materialauswahl ergibt sich bei der Gestaltung der Dirndlschürze. Neben den wiederum klassischen Trachtenstoffen können hier durch Materialien wie Taft, Organza, Chiffon oder Satin tolle optische Effekte erzielt werden. Es gibt wunderschöne Taft- und Seidenstoffe, die bestickt oder mit Motiven bedruckt sind. Oft sind sie bei der Gestaltung eines Dirndls das I-Tüpfelchen. Wer zum ersten Mal ein Dirndl näht, tut gut daran, einen eher schlichten oder farblich neutralen Stoff für Mieder und Rock zu wählen. Wer sich dann gleich mehrere Schürzen zum Kombinieren näht, kann optisch immer wieder neue Effekte erzielen. Wichtig ist, auch für eine Schürze genügend Stoff zu kaufen, normalerweise werden 1 bis 1,20 Meter benötigt. Grund ist, dass aus dem Stoff im Normalfall nicht nur die eigentliche Schürze entstehen soll, sondern auch die Bindebänder. Diese müssen auf jeden Fall ausreichend lang sein.

Um beim Dirndlstoffkauf ein Gefühl dafür zu entwickeln, welche Farben miteinander harmonieren und welche Knöpfe, Bänder und Borten zueinander passen, empfiehlt es sich, die ausgewählten Stoffe in der gewünschten Kombination wie das am Ende fertige Dirndl auf dem Tisch zu drapieren. So ist gleich auf Anhieb ersichtlich, ob die gewünschte Tracht in ihrer Zusammenstellung stimmig ist und der eigenen Vorstellung entspricht.

Die Wahl des richtigen (Aus-)Schnittes

Dirndl-ZeitschriftenE-Books für Dirndl gibt es bisher nur in eher geringer Anzahl. Einige davon haben wir für euch in der Rubrik "Stars" zusammengestellt. Empfehlenswert ist es aus diesem Grund, auf jeden Fall auch das Angebot an klassischen Papierschnitten (z.B. Burda) unter die Lupe zu nehmen oder in Trachten-Schnittzeitschriften zu stöbern. Viele Stoffgeschäfte haben solche Zeitschriften im Angebot oder können sie auf Nachfrage bestellen.

Balconette-AusschnittDrei grundlegende Fragen sollten vorher geklärt sein: Soll das zu nähende Dirndl kurz oder lang sein? Soll es aus zwei Teilen (Kleid und Schürze) oder gar aus drei Teilen (Mieder, Rock und Schürze) bestehen? Und welche Ausschnittvariante passt zur Trägerin am besten? Der beliebteste Dirndl-Ausschnitt ist der Balconette-Ausschnitt, der die weibliche Brust besonders schön in Szene setzt. Klassische Dirndl werden vorne mit Knöpfen geschlossen, auch Schnürungen mit Bändern oder Ketten, die an Dirndlhaken vorbeigeführt werden, sind sehr beliebt. In diesem Fall kann zusätzlich mit einem Reißverschluss gearbeitet werden. Dieser kann sich mittig unter der Schnürung befinden – oder alternativ in der Seitennaht versteckt. Eine weitere Möglichkeit besteht darin, das Mieder durch unsichtbare Hakenverschlüsse vorne zu schließen.

FroschgoscherlJeder Ausschnitt lässt sich auf Wunsch noch besonders gestalten. Rüschen werden gerne verwendet und sorgen für zusätzliche optische Reize. Ein echter Klassiker ist das so genannten Froschgoscherl, auf hochdeutsch: die Froschmaulborte. Für die Produktion eines Froschgoscherls gibt es viele Wege, die zum Ziel führen – und viele Schneiderinnen arbeiten mit unterschiedlichen Techniken. Im Internet gibt es allerdings gute Anleitungen in großer Zahl, auch bei Youtube sind Tutorials zu finden.

HerzausschnittGroßer Beliebtheit erfreut sich auch der so genannte Herzauschnitt. Dieser heißt so, weil seine Form durch die höher gesetzten Teilungsnähte an ein Herz erinnert. Eine weitere mögliche Ausschnittform ermöglicht wahrhaft tiefe Einblicke, weswegen man in Bayern hierbei auch vom "Dirndl mit Ausstellung" spricht: Die Rede ist vom so genannten Unterbrustausschnitt. Wie schon sein Name sagt, verläuft er unter der Brust und stützt diese gleichermaßen ab. Tolle Dekolletés kommen so in voller Schönheit zur Geltung – aber es wird auch nichts kaschiert.

Die richtige Passform

Dirndl nähenDamit ein Dirndl rundum gut sitzt, ist die richtige Passform dabei so entscheidend wie bei keinem anderen Kleidungsstück. Das gilt besonders fürs Mieder: Es muss einfach eng sitzen, darf aber keine Falten werfen. Wer noch nie Kleidungsstücke komplett auf Maß geschneidert hat, tut sich damit unter Umständen besonders schwer. Eine Möglichkeit, um von Anfang an auf Nummer sicher zu gehen und keinen teuren Trachtenstoff fehlerhaft zu zerschneiden, besteht darin, das Mieder zunächst probeweise aus Nesselstoff zu fertigen und diesen Prototyp perfekt anzupassen. Damit schafft man sich die Vorlage für das am Ende echte Mieder aus Trachtenstoff.

Beim Nähen gibt es dabei verschiedene Ansätze. Wer ein Dirndl ganz klassisch näht, arbeitet mit Seitennähten, die nicht nur von innen sichtbar, sondern noch dazu mit einer großzügigen Nahtzugabe versehen sind. Dieser Ansatz bietet den Vorteil, dass ein Mieder bei Bedarf durchaus noch ein paar Zentimeter enger gemacht werden kann oder die Möglichkeit besteht, die Naht auszulassen, wenn sich beispielsweise der Brustumfang nach einer Schwangerschaft deutlich ändert. Manche Schneiderinnen verstürzen das Oberteil komplett, arbeiten mit einer Wendeöffnung und haben am Ende keine sichtbaren Innenseitennähte mit Nahtzugabe. Das sieht zwar auf den ersten Blick etwas besser aus, erschwert jedoch die Möglichkeit, später noch Anpassungen vorzunehmen.

Dirndl nähen im Nähkurs

Wer noch wenig Näherfahrung hat und sich trotzdem an die Königsdisziplin Dirndl trauen möchte, sollte aus diesem Grund darüber nachdenken, einen Dirndl-Nähkurs zu belegen. Diese haben nicht nur den Vorteil, dass Dirndlnähen in Gemeinschaft größere Sicherheit bietet und jederzeit Fragen gestellt werden können. Erfahrene Kursleiterinnen und Kursleiter helfen auch bei der Anprobe, stecken die fertigen Mieder ab und sorgen dafür, dass am Ende jeder Teilnehmer mit einem Dirndl nach Hause geht, das auch wirklich rundum passt.

Und die Schürze?

Ist das Dirndl-Nähprojekt am Ende abgeschlossen und auch die Schürze in voller Schönheit fertig gestaltet, ist nur noch eine Sache dringend zu beachten: die Art, wie die Schürze gebunden wird. Denn das, was für die Einwohner von vielen Bundesländern vermutlich eine Belanglosigkeit ist, unterliegt in Bayern einer ganz eigenen Wissenschaft. Wird die Schleife an der linken Schürzenseite gebunden, so bedeutet dies, dass die Trägerin ledig und noch zu haben ist. Befindet sich die Schleife auf der rechten Seite, ist die Ansage ähnlich klar: Die Trägerin ist in festen Händen oder gar verheiratet. Eine in der Mitte gebundene Schleife verrät, dass die Dirndl-Trägerin noch Jungfrau ist. Ist die Dirndl-Schleife hingegen am Rücken gebunden, ist der Anlass traurig: Die Trägerin ist verwitwet.

Haben wir euch Lust auf ein selbstgenähtes Dirndl gemacht? Unsere Empfehlung lautet: Traut euch! Ein Dirndl zu nähen, bedeutet, eine Menge Zeit, Geduld und auch Geld fürs Material zu investieren - doch in den allermeisten Fällen steht am Ende ein Ergebnis, das euch auf der ganzen Linie begeistern wird. Viel Spaß dabei!

Unser besonderer Dank gilt diese Woche Juliane Egert und dem Team von "Stoffe Egert" in Fürstenfeldbruck, die es uns ermöglicht haben, in ihren Geschäftsräumen die auf dieser Seite gezeigten Trachtenstoffe zu fotografieren, und die uns für zahlreiche Fragen zur Verfügung standen.